Schickhardt-Stollen

Abb. 1: Blick auf Seeburg und ins Fischburgtal. Die Ortschaft liegt auf einer Kalktuffbarre, welche sich am Zusammenfluss von Erms und Fischbach bildete. Die Kirche markiert den höchsten Punkt der Kalktuffbarre; Foto W. Rosendahl, Mannheim

und „Bodenloser See“ in Seeburg

Seeburg ist eine Teilgemeinde von Bad Urach, am Nordrand der Schwäbischen Alb zwischen den Ortschaften Bad Urach und Münsingen gelegen. Der Ort befindet sich kurz vor der Einmündung des Fischburgtales in das obere Ermstal (Abb. 1). Das  Fischburgtal wird vom Fischbach durchflossen. Im Ortsbereich von Seeburg mündet linksseitig die Trailfinger Schlucht in das Fischburgtal. Etwa 1 km schluchtaufwärts befindet sich der Ermsursprung (mittlere Schüttung 0,34 m3/s).

Das aus den Weißjuraschichten des Albkörpers quellende Wasser führt große Mengen von gelöstem Karbonat. Am Zusammenfluss von Erms und Fischbach kam es durch Kalkausfällung und Umkrustung von Pflanzenmaterial zur Entstehung einer Kalktuffbarre (Abb. 2).

Abb. 2: Die Kalktuffwand unterhalb des Pfarrhauses zeigt den oberen Bereich der Kaltuffbarre. Der Kalktuff entstand im fließenden Wasser, als Moose und Algen durch ausgefälltes Kalziumkarbonat umkrustet wurden; Foto W. Rosendahl, Mannheim

Dieser natürliche Damm verriegelte dort, wo sich heute der Ort Seeburg befindet, auf ganzer Breite das Fischburgtal (Abb. 3). Mit dem Aufwachsen des Dammes kam es zu einer Aufstauung des Fischbaches zu einem See, welcher sich immer weiter talaufwärts ausdehnte. Bei seiner größten Ausdehnung reichte der so genannte „Bodenlose See“ etwa 1 km talaufwärts bis zum Kapuzinerfelsen.













Abb. 3: Idealisiertes Landschaftsblockbild der Talbereiche um Seeburg mit Kalktuffbarre am Zusammenfluss von Erms und Fischbach und dem dahinter aufgestauten „Bodenlosen See“; Aus Rosendahl & Sahm-Stotz 2005

Abb. 4: Blick auf das vergitterte Stollenmundloch des Schickhardt-Stollens durch das wenige Meter vor dem Stollen errichtete, regulierbare Stauwehr für den Fischbach. Über ein solches Wehr konnte der „Bodenlose See“ zeitweise abgelassen und wieder aufgestaut werden; Foto W. Rosendahl, Mannheim

Nach historischen Berichten soll die maximale Wassertiefe des sogenannten „Bodenlosen See“ etwa 11-12 m betragen haben.

Der Namen ‚Bodenloser See’ rührte wahrscheinlich daher, dass die Seeburger die Tiefe des Seegrunds nicht erfassen konnten und vermuteten, dass dort die größten Fische sich tummelten, die sie nicht fangen konnten.

Um den „Bodenlosen See“ für einen besseren Fischereiertrag und zur Flößerei periodisch ablassen zu können, wurde zwischen 1617 und 1620 nach Plänen des württembergischen Hofbaumeisters Heinrich Schickhardt im Auftrag des Herzogs durch die Tuffbarre ein 467 m langer Stollen (genannt Schickhardt- oder Fischbachstollen, Abb. 4 und 5) getrieben. Als der See 1620 erstmals vollständig abgelassen wurde, war die Enttäuschung jedoch groß – außer 2 m tiefem Schlick waren nur kleine Fische zu fangen. Danach wurde der Stollen jährlich einmal für die Flößerei abgelassen, damit die Holzstämme mit genügend starker Wasserkraft die Erms hinabtreiben konnten. Seit 1821 blieb der See ständig abgelassen. 1978 brach der Stollen ziemlich genau in der Mitte ein – ungefähr gegenüber dem Rathaus. Schickhardts Bauwerk wurde an dieser Stelle durch eine 45 m lange Betonröhre ersetzt.

Die Raumformen des Stollens sind sehr wechselhaft – ungefähr alle 10 bis 15 m ändert sich die Gewölbeform: rechteckige, trapezförmige gemauerte Gesimse, gemauerte Rundgewölbe oder aus dem Tuff gehauene ungeometrische Formen.

Im Auftrag der Stadt Bad Urach wurde im Jahr 1998 der Stollen durch die Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten e.V. detailliert vermessen. In den folgenden Jahren erfolgten mit Unterstützung durch die Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten e.V. weitere geologische Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Schickhardt-Stollen und dem ehemaligen Bodenlosen See – heute ‚Seewiesen’.

Abb. 5: Querschnitt im Stollenbereich unterhalb der Gärten vor dem Rathaus bzw. vor dem Wanderparkplatz. Wände und Decke sind noch so, wie sie 1620 von  Schwarzwälder Bergmännern in den Tuff geschlagen wurden; Foto A. Schober, Großbettlingen

Abb. 5: Querschnitt im Stollenbereich unterhalb der Gärten vor dem Rathaus bzw. vor dem Wanderparkplatz. Wände und Decke sind noch so, wie sie 1620 von Schwarzwälder Bergmännern in den Tuff geschlagen wurden; Foto A. Schober, Großbettlingen

Nach allgemeiner Vorstellung sollte die Kalktuffbarre während der wärmsten Phase (Atlantikum, 8300 – 6100 Jahre vor heute) in der geologischen Jetztzeit  (Holozän) entstanden sein.

Die genaue zeitliche und klimatische Einordnung der Entstehung von Barre und See ist seit 2000 Gegenstand neuer Forschungen.

Abb. 6: Schematische Zeichnung der über einen Bohrkern dokumentierten Schichtenfolge des „Bodenlosen Sees“; Aus Rosendahl & Sahm-Stotz 2005

Über den Stollen sowie über die Wände alter Kalktuffsteinbrüche im Ortsbereich ergeben sich gute Einsichten in den internen Aufbau der Barre. Neben dem Kalktuff sind die Seeablagerungen hierzu von besonderem Interesse. Über einen 36 m langen Bohrkern, erbohrt in den 1990er Jahren im ehemaligen vorderen Seebecken, war es möglich, Einblick in die Schichtenfolge des Seebeckens zu erhalten (Abb. 6).

Die Weißjurakalke reichen von -36 m bis -28 m unter das Fischbachniveau. Von -28 m bis -26,50 m findet sich Kalkschutt und von -26,50 m bis etwa -24 m Ablagerungen, welche auf einen Bach hinweisen. Von -24 m bis -1,50 m folgt eine Wechselfolge von Seeablagerungen aus Ton, Seekreide und sandigen Tonen mit torfigen Zwischenlagen. Ab -1,50 m bis heutiges Bachniveau folgen durch einen Bach  umgelagerte Ablagerungen und der moderne Boden. Um etwas über das Alter der Ablagerungen bzw. die zeitlich-klimatische Entstehung von Kalktuffbarre und „Bodenlosem See“ zu erfahren, wurden verschiedene Horizonte des Bohrkerns und der Kalktuffbarre mit der Radiokarbon(14C)-Methode datiert.

Die Daten zeigen, dass die Tuffbarre bereits vor etwa 10 100 Jahren begonnen hatte, aufzuwachsen und der Fischbach zu einem See aufgestaut wurde. Vor etwa 7800 Jahren hatte die Barre eine Höhe von 4 m erreicht. Mit weiteren 16 m Zuwachs fällt der größte Teil des Wachstums in die Zeit zwischen 7800 und 6100 Jahre vor heute (Atlantikum). Mit dem Barrenwachstum nahm auch die Seetiefe und –ausdehnung weiter zu. Das Wachstumsende von Barre und See ist im

Bohrkern bei etwa -4 m markiert. Über diesem Niveau finden sich keine Seeablagerungen mehr. Dass passt sehr gut zu einer Datierung der Bohrkerntiefe von -4,8 m in die Zeit um 1600. Der Horizont -2 m im Bohrkern datiert in die Zeit um 1740, also in eine Phase, als der See über 100 Jahre keinen dauerhaften Bestand mehr hatte.

Die neuen Untersuchungen zeigen auch, dass die Kalktuffbarre deutlich mächtiger ist, als bisher angenommen. Die höchsten und jüngsten Tuffvorkommen liegen unter der Kirche, gut 12 m über dem Niveau des heutigen Fischburgtalbodens. Betrachtet man die Bohrkerninformationen, dann können dazu noch etwa 24 m hinzu gerechnet werden. Die Mächtigkeit der Kalktuffbarre beträgt also nicht, wie bisher angenommen etwa 20 m, sondern ca. 36 m.

Auch wenn der Bodenlose See heute nicht mehr existiert, so stellt die Kalktuffbarre von Seeburg eines der Geojuwelen Baden-Württembergs dar.

Hinweis: Aus Sicherheitsgründen ist der Stollen durch ein Gitter verschlossen. Alle zwei Jahre (gerade Jahreszahlen) wird am Tag des Denkmals (2. Sonntag im September) der Stollen bis zur Mitte in Begleitung der freiwilligen Feuerwehr Seeburg der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.


Literaturhinweise:

ROSENDAHL, W. & LÓPEZ CORREA, M. (2002): Zur Erd- und Landschaftsgeschichte von Seeburg.- Uracher Geschichtsblätter, Bd. 1, S. 10-27; Bad Urach.

ROSENDAHL, W. & SAHM-STOTZ, D. (Hrsg.)(2005): Bodenloser See und Schickhardt-Stollen – Zur Natur- und Kulturgeschichte im Kalktuff bei Seeburg/Bad Urach.- 60 S.; Staatsanzeiger Verlag, Stuttgart.

ROSENDAHL, W., JUNKER, B., MEGERLE, A. & VOGT, J. (Hrsg.)(2006): Wanderungen in die Erdgeschichte – Schwäbische Alb.- Wanderungen in die Erdgeschichte, Bd. 18, 160 S.; München (Pfeil-Verlag).

[Wilfried Rosendahl & Christoph Gruner, Stand: 1/2011]


Zu diesem Thema gibt es in unseren Publikationen folgende Beiträge:
Broschüre „Bodenloser See und Schickardtstollen„, 2005