Hightech-Methoden eröffnen neue Perspektiven auf keltische Schädelfunde


Mit High-Tech-Methoden: Schädelforschung im Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim.



MANNHEIM – Zwei der am besten erhaltenen keltischen Schädelfunde überhaupt haben Wissenschaftler im Vorfeld der Ausstellung „Schädelkult“ mit modernen Hightech-Methoden untersucht. Ihre Erkenntnisse zu einer Schädelmaske und einem Trophäenschädel aus der Eisenzeit präsentierten sie jetzt in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, heißt es in einer Pressemitteilung des Museums. Die Funde stellen einzigartige Speicherträger dar, die für das Forschungsteam über 2000 Jahre alte Informationen über die rituellen Praktiken einer der spannendsten Kulturen Mitteleuropas bereit halten: die Kelten.

Dank moderner Hightech-Methoden entlockten Wissenschaftler des German Mummy Projects und der Universität Freiburg den nicht nur für Deutschland bedeutenden keltenzeitlichen Zeugnissen ihre Geheimnisse. Die Computertomographie, die neuartige 3D-Drucktechnik in Echtfarbe sowie die Verfahren der anthropologischen Gesichtsrekonstruktion eröffnen neue Perspektiven auf archäologische Funde, die das Phänomen keltischer Schädelkult-Praktiken in Mitteleuropa eindrucksvoll belegen. Durch die Anwendung dieser Hightech-Methoden wurde außerdem ein wichtiger Beitrag zu restauratorischen und objektschützenden Maßnahmen geleistet.

Die modernen Untersuchungsmöglichkeiten setzen die fragilen Originale keiner unnötigen Gefahr aus und lösen bisherige Methoden wie beispielsweise den Gipsabguss weitgehend ab.  In Kooperation mit der Universitätsmedizin Mannheim konnten die Schädelmaske und der Trophäenschädel, beides archäologische Funde aus dem Raum Koblenz, im Computertomographen gescannt werden. So entstanden wichtige Basisdaten, die das Cochemer Unternehmen SCYTEQ für den 3D-Druck des Trophäenschädels verwenden konnte. Das dem Druck vorausgehende 3D-Scanning erfasst detailgenau Textur und Dekor des Objekts und führt schließlich zur Fertigung einer täuschend echten Replik des Originals in Echtfarbe.

Auch für die Gesichtsrekonstruktion der keltischen Schädelmaske sind die computertomographischen Daten ein wichtiger Ausgangspunkt. Die Anthropologin Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen von der Universität Freiburg konnte anhand dieser Messdaten die Rekonstruktion des Unterkiefers und nachfolgend des gesamten Gesichts erstellen. So entstand das authentische Antlitz eines männlichen Erwachsenen aus der Keltenzeit, dessen knöcherne Überreste von seinen Zeitgenossen im Kontext eines Ahnenkults verehrt, bevor sie erneut bestattet wurden.

Für den Ausstellungsmacher und Leiter des German Mummy Projects Dr. Wilfried Rosendahl – auch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten –  haben sich durch die Untersuchungen wichtige Erkenntnisse ergeben, die in die Ausstellungskonzeption einfließen werden: „Dank der Replik des Trophäenschädels wissen wir jetzt mehr über das Innere des Schädels, denn das Original ist mit Sediment verbacken und verhindert den Blick in das Schädelinnere. Mittels der hervorragenden Unterkiefer-Rekonstruktion und der daraus folgenden Gesichtsrekonstruktion der Schädelmaske, sind wir in der glücklichen Lage, den Ausstellungsbesuchern die faszinierende Begegnung mit unseren Vorfahren zu ermöglichen. Wann hat man schließlich schon mal die Möglichkeit, in ein keltisches Antlitz blicken zu können?“ wird Rosendahl in der Pressemitteilung zitiert.

Diese Faszination teilt auch Dr. Dr. Axel von Berg, Leiter der Außenstelle Koblenz der Direktion Landesarchäologie Rheinland-Pfalz. Von dem Ergebnis der Gesichtsrekonstruktion zeigt er sich beeindruckt: „Für mich als Archäologe hat es natürlich einen besonderen Reiz, in das rekonstruierte Gesicht eines eisenzeitlichen Kelten zu blicken.“ Schließlich handelt es sich um die erste Nachbildung dieser Art überhaupt für eines der Zentren keltischen Schädelkults in Mitteleuropa – die Region um Koblenz.

Erneut konnten die Reiss-Engelhorn-Museen die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz als wichtigen Kooperationspartner für ein großes Ausstellungsprojekt gewinnen. Durch die wissenschaftliche Zusammenarbeit im Vorfeld der Ausstellung gewinnt die Landesarchäologie Rheinland-Pfalz wichtige zusätzliche Erkenntnisse über ihre Fundobjekte, die die Reiss-Engelhorn-Museen dann für über ein halbes Jahr im Rahmen der Schädelkult-Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit präsentieren können.

Die Ausstellung „Schädelkult – Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen“ ist ab dem 2. Oktober 2011 im Museum Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zu sehen. Begleitend erscheint im Verlag Schnell und Steiner ein umfassender Katalog mit gut verständlichen Beiträgen, darunter auch die neuesten Forschungserkenntnisse.

Weitere Info im Internet unter

www.schaedelkult.de

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