Der Archäologe Rudi Walter aus Schelklingen demnächst im ZDF als Neandertaler

Rudi Walter als jagender Neandertaler im Film. FOTO: SONJA SCHERLE

SCHELKLINGEN.  In dickes Fell gekleidet, den Speer und die Steinwaffe in der Hand auf der Jagd nach Wild – für einen Film, der bald im ZDF zu sehen ist, haben Archäologie-Fans das Leben der Neandertaler nachgestellt. „Stimmt, ich bin eigentlich eher der Homo-Sapiens-Typ“, sagt der Schelklinger Experimentalarchäologe Rudolf Walter lachend. „Im Film war ich aber stark verkleidet und bekam dicke Augenwülste angeklebt.“ Walter ist ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Eiszeit, unter anderem baut er die Waffen und Werkzeuge ihrer Bewohner im Detail nach. In der vergangenen Woche war sein Wissen wieder gefragt: Die Produktionsgesellschaft History Media drehte in Schelklingen (Alb-Donau-Kreis), im Lonetal und im Eselsburger Tal aufwendige Szenen für einen Dokumentarfilm, der dieses Jahr noch im ZDF gesendet werden soll. Neben Walter wirkten neun Archäologie-Fans aus Schelklingen und weitere Freunde bei den Dreharbeiten mit, berichtet jetzt die Südwest Presse (Ulm).

Hintergrund des Films sind neue, sehr bedeutsame Entdeckungen über den Neandertaler. Dieser ausgestorbene Verwandte des modernen Menschen (Homo sapiens) lebte vor Zehntausenden von Jahren auch in unserer Region. Am Max-Planck-Institut in Leipzig ist in den vergangenen Jahren das Erbgut des Neandertalers genau erforscht worden. Jetzt kann verglichen werden, wie sehr sich Neandertaler und moderner Mensch ähneln – und ob sie sich vielleicht sogar vermischt haben. Denn zeitweise besiedelten sie die gleichen Gebiete.

Die amerikanische Fachzeitschrift Science will laut Walter demnächst die mit Spannung erwarteten Forschungsergebnisse im Detail veröffentlichen. Das Team von History Media konnte bereits Einblick nehmen in die Arbeit der Wissenschaftler – und nahm dies als Grundlage für einen Dokumentarfilm, in dem auch immer wieder Spielszenen zu sehen sind. Die Alb und die Region Schelklingen nehmen darin eine wichtige Rolle ein, heißt es in dem SWP-Beitrag. Im Steinbruch von Heidelberg Cement wurde etwa nachgespielt, wie 1856 italienische Steinbrucharbeiter im Neandertal (Nordrhein-Westfalen) erstmals Knochen und den Schädel des nahen Verwandten des modernen Menschen fanden. Im Eselsburger Tal (Landkreis Heidenheim) gingen Rudolf Walter und die anderen Akteure in Felle gehüllt und als Neandertaler geschminkt auf die Jagd. „Das war aber natürlich gestellt“, sagt Walter. „Der Hirsch, den wir am Ende vor der Kamera mit Steinwerkzeugen zerlegen, ist bereits tot zum Drehort geliefert worden.“ Insgesamt sei das Eselsburger Tal aber der richtige Drehort gewesen. „Wie in dieser kargen Heidelandschaft mit Wacholder muss es in der gemäßigten Phase der Eiszeit ausgesehen haben“, sagt Walter laut SWP. Für einen weiteren Drehtag reiste das Team ins Lonetal und arbeitete in der Höhle Hohlenstein-Stadel. „Dort ist einer der wenigen Skelettreste eines Neandertalers in Süddeutschland entdeckt worden“, berichtet Walter. Der von Hyänen benagte Oberschenkelknochen ist heute im Ulmer Museum zu sehen. Auch für Walter ging es dort in seiner Rolle als Neandertaler ans Eingemachte. Er musste etwa einen Verletzten mimen. „Knochenbrüche waren damals sehr häufig, das zeigen die Skelettreste“, sagt der Fachmann. „Also haben wir das im Film entsprechend dargestellt.“

Doch es kam noch schlimmer: Am Ende stirbt der Neandertaler Walter sogar. „Das passte, schließlich bin ich schon über 40“, scherzt der Archäologe. Die Lebenserwartung war damals äußerst gering. Im Film wird dann die Beerdigung eines Neandertalers in der Höhle gezeigt. Er werde als Toter mit Fellen und Steinen bedeckt, schildert Walter seine Film-Beisetzung.
Etwas untersetzt, mit breiten Becken und starker Beinmuskulatur sowie Wülsten über den Augen sahen die Neandertaler etwas anders aus als der moderne Mensch. Maskenbildnerei kam zum Einsatz, um die Darsteller wie Neandertaler aussehen zu lassen. Die Filmfirma heuerte aber auch einen Darsteller aus dem Rheinland an, dessen Aussehen dem eines Neandertalers glich.

Im Film wird auch eine Szene gezeigt, von der nicht sicher ist, ob sie sich je so ereignet hat: Der moderne Mensch und der Neandertaler begegnen sich und betrachten sich aus der Ferne. Bis heute ist noch nicht geklärt, warum der Neandertaler ausstarb. Rudolf Walter glaubt nicht an die These, dass er vom kriegerischen modernen Menschen ausgerottet worden ist. „Das Nahrungsangebot war in der Eiszeit relativ groß, es gab viel Biomasse, also auch viele Rentiere, Pferde und Mammuts, die gejagt werden konnten“, sagt er. „Wir finden auch kaum Spuren von Mangelernährung.“ Die Landschaft sei auch dünn besiedelt gewesen – Streit und Krieg wie später unter Ackerbauern um Land habe es vermutlich nicht gegeben. Womöglich sei der „genetische Flaschenhals“ verantwortlich für das Aussterben der Neandertaler. Dieser entsteht, wenn es nicht allzu viele Individuen einer Art gibt. Der Neandertaler sei dem Menschen in vielem ähnlich gewesen, sagt Experte Walter, der auch im Federsee-Museum als Museumspädagoge arbeitet. „Aber vielleicht unterschied er sich in seinem Denken, seinem Geist, seinen Tabus vom modernen Menschen.“ Gefreut hat sich Walter auf die erste Rasur nach den Dreharbeiten. Denn ein richtiger Neandertaler streifte unrasiert durchs Leben. Walter weiß warum: „Eine Rasur mit Feuersteinen endet blutig.“

Autor: Bernhard Raidt

Info
Wann der Film in der Reihe „History“ im ZDF gezeigt wird, steht noch nicht fest. Auch auf Arte und in den USA soll der Film zu sehen sein. Die Archäo-Kids des Federsee-Museums wirkten ebenso am Film mit wie Ute Boxan und Michael Ackermann mit ihren Kindern Jelka,13; Myra,12; und Till, 10, aus Schelklingen. Am Freitag, 7. Mai, gibt es einen Vorbericht  im „heute journal“, letzter Beitrag 21.45  bis 22.15 Uhr  „Der Neandertaler in uns“ – mit einem kurzen Ausschnitt von den Dreharbeiten.

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