Im „Riesending“ auf dem Untersberg in über 1000 Meter Tiefe abgestiegen

BERCHTESGADEN / STUTTGART „Riesending“ heißt Deutschlands tiefste Höhle auf dem bayerischen Untersberg (Landkreis Berchtesgaden). Nach Mitteilung der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt sind Höhlenforscher in Deutschland erstmals in eine Tiefe von über 1000 Metern abgestiegen.

Wie die höhlenkundliche Vereinigung mitteilte, ist ein Team der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt am 21. Juli in der „Riesending-Schachthöhle“ bis in eine Tiefe 1056 Meter vorgestoßen. Die Forscher hätten dabei einen sehr engen Gangteil am bisherigen Höhlenende überwunden, teilt der Verein mit. Insgesamt seien während der fünftägigen Expedition fast 800 Meter an neuen Gängen entdeckt und vermessen worden. Besonders eindrucksvoll, so die Höhlenforscher, sind eine über 70 Meter lange Halle und ein 30 Meter langer See, der nur per Schlauchboot überquert werden könne. Die Höhle wird seit sechs Jahren systematisch erforscht und wissenschaftlich dokumentiert. Starker Luftzug und zahlreiche Fortsetzungsmöglichkeiten lassen die Forscher auf weitere Entdeckungen hoffen.

Seit fast 30 Jahren erkundet die Arge Bad Cannstatt die Karsthöhlen auf der deutschen Seite des Untersberges. Über 60 Höhlen mit einer Gesamtlänge von mehr als 16 Kilometern sind bislang vermessen, heißt es in einer Pressemitteilung. „Im Vergleich zur Riesending-Schachthöhle sind die meisten Objekte jedoch klein. Oft handelt es sich nur um Hohlräume von wenigen Metern Länge“, erläutert dazu Alfred Kösling, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Auch das „Riesending“ war zunächst nur ein geräumiger Schacht, nach wenigen Metern war an einem Schneekegel Schluss. Erst im Jahr 2002 gelang es den Forschern in einem engen Spalt zwischen Fels und Eis tiefer in die Höhle abzusteigen. Seitdem fanden etwa 40 Forschungstouren in das mittlerweile über neun Kilometer lange Höhlensystem statt. Dabei entdeckten die Speläologen (Höhlenkundler) bis zu 180 Meter tiefe Schächte, wasserführende Canyons und riesige Hallen.

Bootspartie im "Riesending" in 930 Meter Tiefe. FOTOS: WOLFGANG ZILLIG

Der Weg zum Höhlenende im „Riesending“ dauert zwei Tage, der Aufstieg zurück ans Tageslicht genauso lange. „Für die Erkundung und Vermessung neuer Gänge und die Kontrolle der Messstationen bleibt daher nur wenig Zeit“, sagt Kösling. Bis man die Höhle nach durchschnittlich fünf Tagen verlässt, legt man seinen Klettergurt nur zum Schlafen ab – viele Höhlenteile sind vertikal oder müssen an Seilgeländern begangen werden. Über drei Kilometer Seil sind nötig, um sicher zum derzeit tiefsten Punkt der Höhle in 1056 Meter Tiefe zu gelangen. Deshalb besteht das Gepäck der Forscher großteils aus Seilen und anderer Kletterausrüstung sowie Vermessungsgeräten und Proviant. Schlafsäcke und Kocher werden in mehreren Biwaks wasserdicht verpackt gelagert. Trotz einer Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 Prozent und einer Durchschnittstemperatur von 3,5 Grad bleibt für Wechselbekleidung kaum Platz in den bis zu 20 Kilo schweren Transportsäcken.

Für die deutsche Höhlenforschung ist der Abstieg in über 1000 Meter Tiefe ein  Meilenstein. „Um unter derart extremen Bedingungen noch ein Auge für die Geologie und Entstehungsgeschichte der Höhle zu haben, ist langjährige Erfahrung und viel Teamgeist notwendig“, erklärt Bärbel Vogel, Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Höhlen und Karstforscher (VdHK) „Eine Höhle bis in 1000 Meter Tiefe zu erforschen, ist nicht nur eine klettertechnische Leistung und ein Gewinn für das bessere Verständnis der regionalen Geologie. Es ist auch eine Sensation für die deutsche Höhlenforschung, die auf weitere Erfolge in anderen Karstgebieten hoffen lässt“, so Vogel weiter.

Wie alle Höhlen der Nördlichen Kalkalpen entstand auch das „Riesending“ durch die Kalk lösende Kraft des Wassers. Entlang unzähliger Klüfte und Störungen dringen Regen- und Schmelzwässer tief in den aus Dachsteinkalk und Dolomit aufgebauten Untersberg ein und erweitern dabei die bestehenden Hohlräume, informieren die Forscher. Im Wechselspiel mit dem Absinken der Talböden durch eiszeitliche Erosion haben sich im Riesending mehrere Horizontalniveaus entwickelt, die über tiefe Schachtzonen miteinander verbunden sind. Daraus lassen sich zum Beispiel Hinweise auf die Landschaftsentstehung des Berchtesgadener Alpen ableiten. Bevor jedoch der Zusammenhang der Bäche im Riesending mit der Fürstenbrunner Quellhöhle im Norden des Bergmassives bewiesen ist, müssen noch viele Gangmeter entdeckt und vermessen werden. Eine weitere Expedition in die Tiefen des Untersberges ist jedoch bereits geplant, heißt es in der Mitteilung.

Info

Die Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt e.V. wurde 1978 gegründet und widmet sich der Erforschung, Dokumentation sowie dem Schutz von Höhlen und Karsterscheinungen im In- und Ausland. Forschungsschwerpunkte sind die Schwäbische Alb und das alpine Karstplateau des Untersberges. Darüber hinaus beteiligen sich Mitglieder der ARGE regelmäßig an Expeditionen in außereuropäische Karstgebiete wie beispielsweise in China, Indien, Laos, Mexiko und Papua Neuguinea.

www.lehmpfuhl.org


Die drei tiefsten Höhle der Welt (Stand: 7/2008)

1)    Krubera (Voronja), Georgien,                                   -2191 Meter

2)    Illyuzia-Mezhonnogo-Snezhnaya, Georgien,     -1753 Meter

3)    Lamprechtsofen, Österreich,                                    -1632 Meter

73)   Riesending-Schachthöhle, Deutschland,            -1056 Meter

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