Buch: Rekorde der Urzeit

Fundort kleiner Elfenbeinplastiken: Hohlenstein-Stadel im Lonetal. FOTO: MICHAEL RAHNEFELD

WIESBADEN Die ersten Kunstwerke der Menschheit wurden bereits in der Altsteinzeit vor mehr als 30.000 Jahren geschaffen. Den damaligen Jägern und Sammlerinnen dienten vor allem eiszeitliche Tiere und merklich seltener Menschen als Motive. Sie hinterließen realistische Felszeichnungen und Schnitzereien. Dies berichtet der Wissenschaftsautors Ernst Probst aus dem Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim in seinem Taschenbuch „Rekorde der Urzeit“ (3-570-20953-9).

Als die ältesten Darstellungen menschlicher Gedanken werden von manchen Prähistorikern die etwa 300.000 Jahre alten rätselhaften Ritzmuster auf polierten Tierknochen von Bilzingsleben in Thüringen gedeutet. Sie sind von Frühmenschen so regelmäßig angebracht worden, dass sie nach Ansicht einiger Experten nicht bei alltäglichen Arbeiten entstanden sein können. Beispielsweise ist auf einem 40 Zentimeter langen Schienbeinrest eines Elefanten ein Bündel von sieben genau zusammenlaufenden Linien sichtbar. Auf einem anderen Knochen sind 14 solcher Linien in gleichmäßigem Abstand erkennbar und bei einem weiteren Knochenfragment sieben Linien. Der Fußwurzelknochen eines Elefanten wurde mit Ritzlinien in Gestalt eines doppelten Rechtecks mit feiner Schraffierung versehen. Diese rhythmische Folge von Strichen und geometrischen Mustern ist vielleicht ein erster Schritt auf dem Weg zu früher bildlicher Darstellung abstrakter Figuren. Auf einem Tierknochen wollen ostdeutsche Prähistoriker sogar eine Gravierung erkannt haben, die einen Löwen zeigen soll. Die Ritzzeichnungen von Bilzingsleben werden jedoch in der Fachwelt nicht als Kunstwerk anerkannt.

Die ältesten eindeutigen Kunstwerke sind in der Zeit vor etwa 35.000 bis 29.000 Jahren entstanden. Sie stammen von Jägern und Sammlerinnen aus der Kulturstufe des Aurignacien, die nach einem französischen Fundort benannt ist. Die damaligen Künstler schufen realistische Felsritzungen und -zeichnungen an Höhlenwänden oder auf Felsblöcken und schnitzten mit Hilfe von scharfkantigen Feuersteinwerkzeugen formvollendete Tier- und Menschenfiguren. Kunstwerke aus dem Aurignaeien kennt man aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Russland.

Die ältesten figürlichen Kunstwerke Deutschlands wurden in drei baden-württembergischen Höhlen entdeckt: in der Geißenklösterlehöhle bei Blaubeuren-Weiler im Achtal, in der Vogelherdhöhle bei Heidenheim und in der Höhle Hohlenstein-Stadel bei Asselfingen, beide im Lonetal gelegen. Diese Funde sind mindestens 30.000 Jahre alt und das Werk von Aurignacien-Leuten. Bei den Kunstwerken aus den süddeutschen Höhlen handelt es sich ausnahmslos um aus Mammutelfenbein geschnitzte Tier- und Menschenfiguren. Die Funde aus der Geißenklösterlehöhle stellen das Mammut (zwei Funde), den Wisent, den Höhlenbär in Angriffshaltung und einen Menschen mit hoch erhobenen Armen und gespreizten Beinen dar. Die Menschendarstellung wird als Betender gedeutet. Die meisten Kunstwerke aus dem Aurignacien in Deutschland kamen in der Vogelherdhöhle zum Vorschein. Dort barg man die Plastik von drei Mammuten, einem Fellnashorn, einem Wisent, einem Wildpferd und fünf Raubkatzen sowie eine plumpe Menschenfigur mit knopfartigem Kopf. Das rätselhafteste Kunstwerk wurde in der Höhle Hohlenstein-Stadel entdeckt: ein fast 30 Zentimeter hohes Wesen mit dem Kopf einer Höhlenlöwin, dem Körper eines Menschen und tierischen Füßen. Vielleicht verkörperte die Figur eine Gottheit.

Als das früheste Kunstwerk Österreichs gilt eine 7,2 Zentimeter hohe Frauenfigur aus Stein, die am Galgenberg von Stratzing bei Krems in Niederösterreich entdeckt wurde. Sie ist mehr als 31.000 Jahre alt. Das ergab eine Altersdatierung von Holzkohlenresten aus der Fundschicht. Die Kremser Frauenfigur wirkt mit ihrem erhobenen linken Arm, dem seitlich abgestemmten rechten Arm, dem gedrehten Körper und den getrennten Beinen grazil und tänzerisch. Deshalb wurde sie von der Ausgräberin als „Fanny – die tanzende Venus vom Galgenberg“ bezeichnet. Der Name Fanny erinnert an die berühmteste Tänzerin Österreichs, Fanny Elßler. Nach einer anderen Deutung handelt es sich um einen Jäger mit geschulterter Keule.

Die ältesten Kunstwerke Russlands hat man bei Sungir unweit von Vladimir nordöstlich von Moskau gefunden. Sie sollen mehr als 32.000 Jahre alt sein. Die bei Sungir entdeckten Tierfiguren aus Mammutelfenbein stellen in zwei Fällen das Wildpferd sowie einen Wisent und ein Mammut dar.

Die meisten dicken Frauenfiguren aus der Altsteinzeit wurden im Gravettien zwischen etwa 28000 und 21000 Jahren hergestellt. Damals schufen die Jäger und Sammler zwischen dem Don in Russland und der Atlantikküste in Frankreich neben Wildtieren vielfach üppige Frauenfiguren. Sie werden ironischerweise – völlig unzutreffend – als „Venusfiguren“ bezeichnet. Derartige „Venusfiguren“ sind in Frankreich (Lespugue, Monpazier, Pechialet, Sireuil), Italien (Chiozza, Grimaldihöhlen, Savignano, Trasimeno), Deutschland (Mainz), Österreich (Willendorf), Tschechien (Dolni Vestonice, Pavlov, Petrkovice) und in Russland (Avdeevo, Chotylevo, Gagarino, Kostenki) entdeckt worden. Man hat sie aus Stein und in Tschechien sogar aus Ton geschaffen. Solche Venusfiguren spielten vermutlich eine große Rolle in der Ideen- und Gefühlswelt der damaligen Menschen.

Die einzigen „Venusfiguren“ aus dem Gravettien vor mehr als 21.000 Jahren in Deutschland sind 1921 auf dem Linsenberg in Mainz entdeckt worden. Sie kamen bei Bauarbeiten in etwa 2,70 Meter Tiefe ans Tageslicht. Die Mainzer Funde sind nur fragmentarisch erhalten. Beide „Venusfiguren“ zeigen einen Teil des Unterkörpers und sind nur etwa 3,5 Zentimeter hoch. Man hat sie aus Stein geschnitzt. Eine in den Weinberghöhlen von Mauern in Bayern geborgene „Venusfigur“ aus Ton soll gefälscht sein.

Zu den berühmtesten Frauenfiguren Österreichs aus dem Gravettien vor etwa 25000 Jahren zählt die „Venus von Willendorf“. Die schon 1908 bei Ausgrabungen entdeckte „Venus“ ist 10,3 Zentimeter hoch und besteht aus Kalkstein. Es ist eine nackte Frau ohne Füße. Farbreste deuteten darauf hin, dass die Figur einst rot bemalt war. Die „Venus von Willendorf“ wird im Naturhistorischen Museum Wien aufbewahrt. Eine plumpere „Venus“ wurde 1926 am selben Fundort geborgen. Man hat sie aus Mammutelfenbein geschnitzt. Ursprünglich war sie wohl 30 Zentimeter lang.

Die meisten Gravierungen auf Steinplatten aus dem Magdalénien zwischen etwa 18.000 und 11.500 Jahren wurden in Gönnersdorf bei Neuwied in Rheinland-Pfalz entdeckt. Dort fand man nahezu 200 Darstellungen von Tieren und etwa 400 von stilisierten Frauen ohne Kopf und ohne Füße. Diese Motive wurden in grauschwarze Schieferplatten eingraviert, die man – nachdem sie ihre magische oder kultische Aufgabe offensichtlich erfüllt hatten – einfach liegen ließ. Unter den Gönnersdorfer Tierdarstellungen überwiegen eindeutig Abbildungen vom Wildpferd (74mal) und vom Mammut (61mal). Seltener sind Gravierungen vom Fellnashorn, Hirsch, Elch oder der Saiga-Antilope, Auerochsen, Wisent, Wolf, Höhlenlöwen (ohne Kopf) Fisch, Vogel oder der Robbe.

Die schönsten und meisten Höhlenmalereien wurden im Magdalénien zwischen etwa 18.000 und 11.500 Jahren in Frankreich und Spanien geschaffen. Aus dieser Zeit kennt man heute in Frankreich und Spanien mehr als 150 Höhlen, die Malereien von Wildtieren und ganz selten auch von Menschen zeigen. Zu den grandiosesten Höhlenmalereien gehören diejenigen von Lascaux bei Montignac in der Dordogne (Frankreich) und von Altamira in Kantabrien (Spanien). In Lascaux wurden vor etwa 17.000 Jahren Auerochsen, Höhlenbären, Wisente, ein „Einhom“-ähnliches Wesen, Hirsche, Fellnashörner, Wildpferde, Esel, Steinböcke, Moschusochsen, Rentiere, Vögel und Raubkatzen dargestellt. Zu den geheimnisvollsten Szenen in Lascaux gehört die Darstellung eines wutschnaubenden Wisents, der von einem Speer getroffen wurde, und eines vor ihm liegenden verletzten oder toten Jägers. Ähnlich alte Höhlenmalereien wie in Frankreich und Spanien kennt man auch aus der Kapova-Höhle im Südural in Sibirien.

Die ältesten Kunstwerke der Schweiz stammen aus dem Magdalénien vor mehr als 11.500 Jahren. Die schönsten und meisten Kunstwerke aus dieser Zeit wurden in der Höhle Kesslerloch bei Thayngen (Kanton Schaffhausen) gefunden. Bekannt ist vor allem die Gravierung des so genannten „Suchenden Rentiers“ (früher „Weidendes Rentier“ genannt) auf einem Lochstab aus Rentiergeweih. Mit Hilfe solcher Lochstäbe hat man damals krumme Holz- oder Elfenbeinstäbe über Wasserdampf gerade gebogen. Weitere Kunstwerke aus dem Magdalénien in der Schweiz wurden in der Höhle Schweizersbild, in der Rislisberghöhle, am Hollenberg bei Arlesheim und bei Baar geborgen.

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