Landesmuseum in Stuttgart zeigt die ältesten Musikinstrumente der Welt

Die Knochenflöte aus dem Geißenklösterle.

STUTTGART Um das älteste bekannte Musikinstrument der Welt, die eiszeitliche Knochenflöte aus dem Achtal, gruppieren sich in einer Ausstellung des Württembergischen Landesmuseums weitere Instrumente vom selben Fundort – und provozieren die Idee eines Eiszeitorchesters.

Flötentöne, Saitenklänge, Trommelschlag, dazu das rhythmische Schnarren einer Schrape, begleitet vom Klatschen der Hände und Stampfen der Füße: So sieht die Vision eines Orchesters aus, das vor 35.000 Jahren im Geißenklösterle, einer Höhle zwischen Blaubeuren und Schelklingen (Alb-Donau-Kreis), hätte musizieren können. Denn neben der mittlerweile weltberühmten Flöte sind dort während der jahrelangen archäologischen Ausgrabungen weitere Gegenstände ans Licht befördert worden, die inzwischen als mögliche Musikinstrumente gedeutet werden.

So könnte sich beispielsweise ein stark gebogenes Geweihband, das bereits der mittlerweile verstorbene Archäologe Prof. Dr. Joachim Hahn 1988 ausgegraben hatte, als eine Art Maultrommel entpuppen. Die Archäologen Dr. Erwin Keefer und Dr. Tim Kerig vom Landesmuseum haben diesen Bogen mit dem Rasterelektronenmikroskop untersuchen lassen. Dabei sind Abriebspuren zu Tage getreten, die darauf schließen lassen, dass die beiden Enden des Bogens durch eine Sehne verbunden waren – genau wie bei einem großen Jagdbogen. Die für jene Zeit einzig denkbare Funktion eines solchen Minibogens aber ist die eines Musikinstruments, das, ähnlich einer Maultrommel, an die Lippen oder Zähne gelegt wurde und den Kopf als Resonanzkörper nutzte.
Dieser Musikbogen ist neben einer zweiten Knochenflöte, einer mutmaßlichen Pfeife aus dem Knochen eines Kolkraben und einem Knochenstück, das als Schraper gedient haben könnte, von heute an im Württembergischen Landesmuseum im Stuttgarter Alten Schloss zu sehen. Dort ist eine kleine, aber sehr informative Ausstellung mit dem etwas unhandlichen Titel „Schwanenflügelknochen-Flöte“ um dieselbe herum arrangiert. Sie rückt den Beginn der „kulturellen Modernität“ in den Mittelpunkt. Was ist damit gemeint? Die „kulturelle Modernität“ beginnt mit dem modernen Menschen, der die Alb bewohnt hat, nachdem der Neandertaler sich längst von dort zurückgezogen hatte. Nach heutigem Forschungsstand war es dieser moderne Homo sapiens, der jene Musikinstrumente und die nicht minder bedeutenden kleinen Tier- und Mensch-Tier-Plastiken geschaffen hat, die im Ach- und im Lonetal gefunden worden sind.

Die Ausstellung unterstreicht die soziale und die religiöse Funktion dieser frühen Beispiele kulturellen Wirkens. Sowohl die Musikinstrumente als auch die Figürchen dürften bei schamanistischen Riten eine zentrale Rolle gespielt haben.

Erfreulich ist, dass die Ausstellungsmacher den Mut aufgebracht haben, ihre Mutmaßungen in bildhafte Darstellungen umsetzen zu lassen, denn ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Und dabei ist dann wirklich zweitrangig, ob die Eiszeitler sich tatsächlich zu einem Orchester vereint oder lieber ganz für sich auf dem nächsten Felsen ein Solo geflötet haben.

INFO
Schwanenflügelknochen-Flöte im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart, Altes Schloss; bis 30. Januar: Di bis So 10 bis 17 Uhr.

Aus SÜDWEST PRESSE vom 5. November 2004

Autor: Henning Petershagen

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