Neues zur Verkarstung der Schwäbischen Alb

LAICHINGEN / ERPFINGEN (ra) Höhlen sind Lesebücher der Erdgeschichte. Sie geben viel preis über jahrtausendelange Entwicklungen. Neues hat jetzt auch die Bärenhöhle verraten, die von Höhlenforschern und Wissenschaftlern in den vergangenen sechs Jahren etwas genauer unter die Lupe genommen wurde.

Die Bären- und Karlshöhle bei Genkingen-Erpfingen (Kreis Reutlingen) auf der Schwäbische Alb dürfte die wohl bekannteste Schauhöhle in unserer Region sein. Bis zu 160.000 Besucher bewundern jährlich die „Unterwelt aus Stein und Wasser“, als touristischer Anziehungspunkt hat das Karstobjekt große Bedeutung. Wichtig ist die Bären- und Karlshöhle aber auch für die Wissenschaft, wie jetzt der Geologe Dr. Wolfgang Ufrecht und ein Forscherteam belegen. Ihre Erkenntnisse aus einer umfassenden Neuuntersuchung der Bären- und Karlshöhle wurden erst kürzlich in einer knapp 200-seitigen Ausgabe des „Laichinger Höhlenfreund“ veröffentlicht, einer periodisch erscheinenden Fachzeitschrift für Höhlenkundler und Vereinsmitglieder des Höhlen- und Heimatverein Laichingen.

„Wir konnten einige interessante Ergebnisse zur Entstehung der Höhle und zur Verkarstungsgeschichte der Reutlinger Alb herausarbeiten“, freut sich Wolfgang Ufrecht, der mit seinen Höhlenforscher-Kollegen sowohl die Bodenablagerungen (Sedimente) in der Höhle als auch die Versinterungen und Reste der urzeitlichen Lebewesen untersucht hat. Aus diesen Mosaiksteinen ergab sich für die Wissenschaftler schließlich ein Gesamtbild, das wiederum auf unterschiedliche Entwicklungsphasen schließen lässt und Altersdatierungen ermöglicht. „Es lassen sich aus den Sedimenten der Höhle und aus Fossilinhalten Phasen der speläogenetischen Entwicklung der Höhle zeitlich fixieren“, formuliert es Ufrecht wissenschaftlich. Der Beginn der Entstehung der Höhle dürfte demnach drei bis fünf Millionen Jahre zurückliegen. Vor etwa 1,8 Millionen Jahren ist sie wahrscheinlich von einem größeren Gewässer durchflossen, vor 1,7 Millionen Jahren dann nur noch bei hohen Wasserständen überschwemmt worden. Vor 475.000 Jahren, als sich längst dicke Sinterplatten gebildet hatten, weil die Höhle nicht mehr ständig wasserführend war, wurden die 1,7 Millionen Jahre alten Bohnerz-Ablagerungen bei kurzzeitigen Überflutungen herausgespült.

Mindestens 25 solcher Ereignisse wie Sedimentation, Abtragung, Überflutung und Sinterbildung können relativ zueinander abgegrenzt werde, erklärt Ufrecht. Allein in der so genannten „Passage“ zwischen der erst 1949 entdeckten Bärenhöhle und der schon seit 1834 bekannten Karlshöhle wurden 15 Ereignisse registriert, die den Zeitraum von vor 475.000 bis vor 30.000 Jahren dokumentieren. „Mangels finanzieller Mittel konnten diese Ereignisse zeitlich nicht weiter eingeengt werden“, bedauert Ufrecht. Das wissenschaftliche Potenzial in Verbindung mit der Rekonstruktion des Klimageschehens der Vergangenheit sei aber sehr groß. Man könne durch weitere Entschlüsselung und Auflösung dieser Ereignisse die Kenntnis der Klimageschichte außerhalb der ehemals vereisten Gebiete weiter verfeinern.

Ins Bild der Forscher passen auch die Erkenntnisse über die Lebewesen in diesen Zeiträumen. Neben Muscheln und Schnecken wurden Knochen und Kiefer des Bibers gefunden und untersucht, erläutern dazu Thomas Rathgeber und Hansjörg Niederhöfer. Das belegt wiederum, dass viel Wasser vorhanden gewesen sein muss. Die Forscher bringen die Höhle jetzt mit einer Zeitphase in Verbindung, die eng mit der Eintiefungsgeschichte der Donau verbunden ist. „Die Ergebnisse der Untersuchungen“, so sagt Ufrecht, „bestätigen die Bedeutung der Höhle zum Verständnis des Verkarstungsgeschehens der Kuppenalb vor etwa 1, 8 Millionen Jahren. Wäre die Albverkarstung viel älter, dann dürften dort mitten auf der Albhochfläche – weit über den Flusstälern – nicht mehr die für ihre Lebensweise Wasser fordernden Tiere existiert haben“.

Die Untersuchungen und Ergebnisse in der Bären- und Karlshöhle sind publiziert im „Laichinger Höhlenfreund – Zeitschrift für Karst- und Höhlenkunde“, 38. Jahrgang, Heft 2/2003; ISSN 0344 6832

Autor: Michael Rahnefeld

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